Ökofreaks in Kernkraftstädte!

Häuser in Orten mit stillgelegten AKWs werden billiger / Eine Chance für Umorientierung

Essen, 30. Juli 2013

Stillgelegte Atomkraftwerke (AKW) haben die Sicherheit der Menschen vor Ort verbessert. Und auch das Wohnen wird in Ohu oder Grafenrheinfeld billiger.
„Die Folgen von Fukushima strahlen auf deutsche Hauspreise aus“, hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen herausgefunden. „Die Stilllegung und Laufzeitverkürzung deutscher Atomkraftwerke nach der Reaktorkatastrophe im japanischen AKW Fukushima Daiichi im März 2011 hat die Immobilienpreise in der Nähe deutscher AKWs sinken lassen“, schreiben die Forscher des arbeitgebernahen RWI.
Vor allem von den Hauspreisabschlägen betroffen: Jene sieben Gemeinden, deren Meiler gleich nach der japanischen Atomkatastrophe abgeschaltet wurden, wie Prof. Thomas K. Bauer uns gegenüber erläutert: „Bei den schnell geschlossen AKW wie z.B. Isar 1 sind die Hauspreise sofort um elf Prozent gefallen. Wo AKW länger am Netz bleiben, sind die Hauspreise nur um sechs Prozent gesunken.“
Die statistische Analyse ist laut Prof. Bauer „robust“. Denn das RWI konnte dank Forschungskooperation mit Immobilienscout auf die Datenbank des Internet-Wohnungsvermittlers zurückgreifen: Darin sind immerhin knapp 900.000 Häuser verzeichnet. Die RWI-Studienmacher schauten speziell auf die Zone im Umkreis von fünf Kilometer um die AKWs.
Doch warum wurden die Häuser hauptsächlich billiger? Die sinkende Akzeptanz der Bevölkerung, die steigende Wahrnehmung von Kernenergie als Gefahr sei erst an zweiter Stelle daran Schuld. In erster Linie gebe es „ökonomische Effekte. Denn in den Kernkraftwerken gibt es weniger Arbeitsplätze.“ So leben im hessischen AKW-Standort Biblis gerade mal 9.000 Menschen. Doch von 1.000-Vor-Fukushima-Atomarbeitern seien nur noch 500 da, nennt Prof. Bauer ein Beispiel.
Mit der Schließung eines AKWs sinke „zumindest vorübergehend die wirtschaftliche Lage einer Region“, gingen Arbeitsplätze verloren, sänken die Umsätze von Hotels und Restaurants, hätten die Kommunen niedrigere Gewerbesteuereinnahmen, analysieren die RWI-Mitarbeiter.
Andere Fachleute verweisen in diesem Zusammenhang auf Kommunen mit großen Wandel-Erfahrungen. Sei es Bundeswehr- oder Industrie-Konversion: Fast überall boten die Brachen die Chance auf neue Ansiedlungen. Und auch die Bevölkerung stabilisierte sich nach einiger Zeit wieder. Vielleicht erfüllen ja bald Ökoenergie-Produzenten und –Mitarbeiter alte Atom-Standorte und preiswerte Häuser mit neuem Leben?
HEINZ WRANESCHITZ

Studie zum Runterladen:
www.rwi-essen.de/publikationen/ruhr-economic-papers/560/